Die vier Tore und vierzig Stufen im Alevitentum

Die Lehre der vier Tore und vierzig Stufen ist ein zentraler spiritueller Weg im Alevitentum. Sie beschreibt die Entwicklung des Menschen von äußeren Regeln und moralischem Handeln hin zu innerer Erkenntnis und Wahrheit. Dieser Weg wird häufig mit dem Mystiker Hacı Bektaş Veli verbunden.

Die vier Tore – Scharia, Tarikat, Marifet und Hakikat – stehen für verschiedene Stufen der persönlichen und spirituellen Reifung. Schritt für Schritt lernt der Mensch Verantwortung zu übernehmen, sich selbst zu erkennen und nach Werten wie Gerechtigkeit, Liebe und Menschlichkeit zu leben. Die vierzig Stufen symbolisieren dabei den Weg der inneren Entwicklung und der Suche nach Wahrheit.

Dieses Tor steht für moralische Regeln, Verantwortung und ein gutes Leben in der Gemeinschaft.

  • glauben und bezeugen (Glaubensbekenntnis aussprechen)
  • lernen (Wissenschaft lernen)
  • Gottesdienst verrichten (dazu gehört beten, fasten, milde Gaben geben)
  • ehrliches legales Einkommen haben
  • Ausbeutung (haram) und Ungerechtes vermeiden
  • die Achtung der Männer Frauen gegenüber
  • die Ehe suchen (außereheliche Verhältnisse vermeiden)
  • Fürsorge für andere zeigen
  • reines Essen zu sich nehmen, für gutes Ansehen sorgen
  • Gutes wollen und tun

Hier beginnt die bewusste spirituelle Entwicklung unter Anleitung eines Lehrers.

  • sich dem geistlichen Lehrer (pir) anvertrauen
  • sich dem Lernen hinzugeben
  • auf äußeres Ansehen verzichten
  • eigenes Ego bremsen und dagegen kämpfen (sabir)
  • Achtung haben
  • Ehrfurcht haben
  • auf Gottes Hilfe hoffen
  • sich auf den Weg Gottes begeben
  • Gemeinschaft bezogen sein, Harmonie zeigen
  • Menschen und Natur lieben, schützen und auf weltliche Güter verzichten
In diesem Tor entwickelt der Mensch tiefes inneres Wissen und Verständnis.

  • sich gut benehmen und anständig sein
  • ehrenhaft leben
  • geduldig sein
  • genügsam sein
  • schamhaft sein
  • freigiebig sein
  • sich um Wissen bemühen
  • Ausgewogenheit und Harmonie bewahren
  • gewissenhaft sein; Fähigkeiten, die nicht (nur) durch die Vernunft zu erreichen sind, sondern durch den Seelenblick (can gözü/gönül gözü) entdecken und erreichen
  • Selbsterkenntnis üben
Dies ist die höchste spirituelle Stufe. Der Mensch erkennt die Wahrheit und lebt vollständig nach ihr.

  • bescheiden sein, alle Menschen achten und ehren, 72 Glaubensgemeinschaften als gleichberechtigt anerkennen
  • an die Einheit von Allah, Muhammed und Ali glauben
  • Beherrsche dich (Hüte, deine Hand, deine Zunge und deine Lende); nicht lügen, nicht stehlen und nicht gewalttätig werden, keine Untreue in der Ehe
  • Glaube an die Widerspiegelung Gottes (seyr)
  • Gott Vertrauen schenken
  • Austausch und Freude über die Erkenntnis, mit Gott und seiner Gemeinde eins zu sein (Yunus Emre: Ich habe genug an der Spaltung/Trennung gelitten, ich genieße jetzt das Zusammensein. Ikilikten usandim, birlik hanina kandim.)
  • Wachsen in dieser Erkenntnis und dabei der Lösung des Geheimnisses Gottes näher kommen
  • Einklang mit dem Willen Gottes zeigen
  • sich ins Nachsinnen über Gott versenken (auch ein kurzzeitiges Versenken in Gott zählt mehr als 70 Jahre Gebet)
  • das Herz von der Sehnsucht nach Gott erfüllen zu lassen und das Geheimnis Gottes lösen (münacat und müşahede)
vier Tore und vierzig Stufen

„Wer die vier Tore und vierzig Stufen durchschreitet, findet den Weg zu Wahrheit, Erkenntnis und Menschlichkeit.“